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Interview zu "Per Anhalter in die Karibik"

vor 19 Stunden
9 Min. Lesezeit



Der DUMONT-Verlag hat anlässlich der Neuerscheinung von "Per Anhalter in der Karibik" ein Interview mit Carl und mir für die Pressearbeit geführt. Hier ist es:


Mit 14 Jahren hörte Carl Beccard im Camper seiner Eltern ein Hörbuch über einen Mann, der per Anhalter über den Atlantik segelte. In dem Moment war ihm klar: Wenn er mit der Schule fertig ist, dann reist er um die Welt. Zurück in Berlin verging kein Tag mehr, an dem er nicht an seine Reise dachte. Vier Jahre später machte er sich selbst auf den Weg – mit Rucksack, dem ersparten Geld im Gepäck und einem Traum im Kopf. Drei Jahre lang trampte und segelte er um die halbe Welt. Einen Teil der Strecke verbrachte er auf der „Dilly-Dally“ von Jens Brambusch, der seine Geschichte nun gemeinsam mit ihm aufgeschrieben hat. „Per Anhalter durch die Karibik“ erzählt von Aufbruch, Abenteuern, Liebe, Scheitern – und vom Ankommen.


Carl, Du warst 14, als du im Camper deiner Eltern beschlossen hast, eines Tages per Anhalter um die Welt zu reisen. Wer war dieser Junge damals, weswegen wollte er unbedingt losfahren? Und was würdest du ihm heute, mit 22, antworten, wenn er dich fragte: „War's das wert?“

Carl: Dieser Sommerurlaub 2017, zusammen mit meinen Eltern, war der erste Sommerurlaub nach zwei Jahren, in denen ich mit Mama und Papa in London gelebt habe. Nach zwei Jahren Ausland waren wir also wieder zurück in Berlin, zurück in unserer alten Wohnung, zwar an einer neuen Schule, aber dennoch waren wir schlichtweg wieder zuhause. Fast zumindest, denn in diesem Moment waren wir ja in Frankreich. Mit den Eindrücken aus zwei Jahren London im Kopf, den tollen Freundschaften, die ich geschlossen habe, dem fremden Land, das so vertraut geworden ist, und nun wieder ein neues Land zu bereisen... Das hat mich einfach unglaublich neugierig auf die Welt gemacht. Und dass ein junger Mann wie der aus dem Hörbuch eben dieser Neugier so frei und mutig nachgegangen ist, hat mich extrem inspiriert. Heute weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe, auf jeden Fall war ́s das Wert!


Ausschnitt aus Carls Tagebuch in Wort und Bild


Carl, auf Gran Canaria hast du wochenlang in einem Camp am Strand gelebt –

vergeblich auf der Suche nach einem Boot, das dich mit in die Karibik nimmt. Nachdem das Camp von der Polizei geräumt wurde, bist du im Park bei marokkanischen Geflüchteten untergekommen, hast in einem Papiercontainer geschlafen. Hast du auch mal ans Aufgeben gedacht – und was hat dich davon abgehalten?

Carl: Ans Aufgeben direkt habe ich nicht gedacht, aber ich habe meinem sehr versteiften Willen, nämlich koste es was es wolle, über den Atlantik zu segeln, ein wenig mehr Offenheit geschenkt. Ich habe gemerkt, dass es so was von Wurst ist, wo ich bin! Es zählt ausschließlich, dass ich von tollen, inspirierenden Freunden umgeben bin und dass ich Dinge mache, dir mir etwas bedeuten. Ob das nun in Südamerika oder Afrika oder sonst wo ist, das ist eben Wurst! Und so kam bei mir die Idee auf, einfach in die andere Himmelsrichtung zu reisen, wenn mich der Atlantik nicht will. Naja und eben jene Überlegungen, Bedenken und Ideen mit meinen Freunden zu teilen, mein ganzes Leben und meine Träume mit ihnen zu teilen, nicht alleine zu träumen, das hat Kraft gegeben. Und aus dieser gewonnenen Leichtigkeit heraus habe ich dann Jens und Arzum getroffen .


Jens, Du warst der Skipper, der Carl über den Atlantik gebracht hat – und bist nun der Co-Autor seines Buches. Wie schreibt man eigentlich die Geschichte eines anderen, in der man selbst eine Rolle spielt? Wo war die Grenze zwischen „Carls Stimme einfangen" und „Jens' Erinnerung mitschreiben"?

Jens: Wenn man auf einem kleinen Boot so viele Wochen auf engstem Raum und in Extremsituationen zusammen verbringt, lernt man sehr schnell das Wesen des anderen kennen. Masken fallen an Bord spätestens nach drei Tagen. Und Carl hat mich auch an meine eigene Jugend erinnert. Nach dem Abi war ich damals zusammen mit einem Freund im alten Vereinsbus unseres Ruderclubs in den Nahen Osten gefahren. Carl ist zudem sehr offen, spricht viel über seine Emotionen, hat viele Fragen. Das unterscheidet uns komplett. Ein wenig schizophren wurde es allerdings schon, als ich aus Carls Sicht mich selbst beschreiben musste. Da gab es viel Redebedarf und Nachhaken. Um die Atmosphäre unserer gemeinsamen Zeit zu beschreiben, war es natürlich hilfreich, dass ich sie hautnah erlebt habe. Auch einige andere Orte von Carls Abenteuer fielen mir leicht zu beschreiben, da ich sie meistens selbst besucht habe.


Carl und Jens, es gibt diese Nacht, in der ihr auf der „Dilly-Dally“ bei Sturm vor den Kapverden einem manövrierunfähigen Tanker ausweichen müsst. Später liegt ihr auf Kollisionskurs zu einer Fähre. Beide Male greift Carl zur Funke und regelt die Situation auf seine Art. Jens ist jeweils im Halbschlaf und – sagen wir es mal vorsichtig – nicht ganz einverstanden mit der Carl-Methode. Wie unterschiedlich erlebt ihr eigentlich Gefahr – der 19-Jährige und der erfahrene Skipper?

Jens: Ich würde mich selbst als sehr vor- und umsichtigen Segler bezeichnen, der Risiko scheut. Man könnte jetzt von Erfahrung sprechen, aber meistens ist es schlichtweg Schiss. Carl ist da ein bisschen wie Pippi Langstrumpf. Er macht die Welt, wie sie ihm gefällt. Nachdem wir von dem manövrierunfähigen Frachter über Funk angeblafft wurden, wir sollen eine Meile Abstand halten, machte Carl das gleiche, als sich uns eine Fähre näherte. Und sie gehorchte brav. Das Problem war nur, dass wir unter Segeln in böigen Winden mal schnell, mal langsam waren und damit unberechenbar. Am Ende musste die Fähre anhalten und beidrehen. Als uns der Kapitän erneut anfunkte, um zu fragen, was wir da eigentlich treiben, musste ich die Situation schnell retten. Und unseren Kurs ändern.


Carl: Ich denke, es wird durch Jens ́ Schilderung indirekt klar, wie ich die Situationen erlebt habe. Eben im Pippi Langstrumpf Stil. Mir war klar, dass die Situationen schnellen Handelns bedürfen und gleichzeitig waren beide Momente, in meiner Welt, eher ein aufregender Zwischenfall als eine große Gefahr. Lag auch daran, dass ich bis dahin nicht so wahnsinnig viel Erfahrung hatte. Vor allem nicht damit, was es bedeutet, Skipper zu sein und Verantwortung für andere Leben zu haben, wenn es hart auf hart kommt.


Carl und Sofia


Carl, Du warst mit Sofia zusammen: Die Begegnung in der Karibik, die schlaflose Nacht auf dem Feld, die Trennung in Panama. Heute lebt Sofia auf Sardinien, du in Schleswig. Was bleibt von einer Liebe, die so eng mit der Reise verknüpft war und sie nicht überlebt hat?

Carl: Irgendwie hat unsere Liebe die Reise schon überlebt, aber sie hat sie eben verändert. Ich bin mit Sofia nach wie vor in engem Kontakt, über regelmäßige, mehrstündige Telefonate. Nach wie vor können wir über alles miteinander reden und gemeinsam lachen. Sofia ist mir einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben und auch jetzt noch einfach so unfassbar vertraut. Klar, die romantische Liebe ist erst einmal vorüber, aber ich verbinde keinen Schmerz und keine Verletzung damit. Vielmehr bin ich unfassbar stolz, dass wir es geschafft haben von Freunden zu Liebenden à la Bonnie und Clyde und wieder Freunde zu werden. Das ist etwas sehr Besonderes und schließt ja auch nicht aus, dass eines Tages die Freundschaft wieder durch Liebe erweitert wird, wer weeß dit schon?


Jens, Du machst dich mehrfach mit liebevollem Spott über Carls Marotten lustig. Wann ist dir klar geworden, dass aus dem Berliner Teenager auf deinem Boot mal ein Buch werden würde?

Jens: Meine Freundin und ich waren von Carls Abenteuern von Anfang an begeistert. Scherzhaft haben wir ihn „unseren Sohn“ genannt und sind mit ihm immer in Kontakt geblieben. Als Journalist habe ich, das behaupte ich jetzt einfach mal so, ein gutes Gespür für Themen. Für den „Spiegel“ habe ich daraufhin einen Artikel über unsere gemeinsame Atlantiküberquerung geschrieben, für das Wassersportmagazin „float“ insgesamt vier Berichte über ihn. Die Artikel wurden sagenhaft geklickt, der „Spiegel“-Beitrag hatte hunderte Kommentare – alle waren begeistert von Carl. Da wusste ich, dass Carls Geschichte einen Nerv trifft. Um das Buch zu schreiben, musste er aber natürlich erst mal seine Reise beenden.


Bootsbau-Kommune Alcazar


Carl, die Alcazar, das Bootsbauprojekt in Panama: Dort hast du nicht nur deinen Beruf gefunden, sondern auch die wahrscheinlich härteste menschliche Erfahrung deiner Reise gemacht: das Scheitern einer Gemeinschaft, an der dir alles lag. Was hast du dort über dich gelernt, was du in keiner Karibik-Hängematte gelernt hättest?

Carl: Ha, da gibt es tatsächlich einige Dinge, die ich gelernt habe. Zum einen, dass unausgesprochene Emotionen trotzdem nonverbal kommuniziert werden und darum lieber besser gleich angesprochen werden. Ich habe für mich mitgenommen, dass mein Bestes zu geben eine sehr wertvolle Sache ist und ich im Umkehrschluss auch nicht mehr von einer Person erwarten kann. Vorausgesetzt es handelt sich wirklich um „das Beste“, das jemand gibt! Ich habe erfahren, was es bedeutet Verantwortung zu übernehmen, für Dinge, aber auch für einzelne Menschen und für ein Team. Ich habe gelernt, dass, sobald man an etwas zweifelt, eigentlich kein Zweifel besteht, anders gesagt: wenn ́s nicht 100% ja ist, dann ist es nein! Das ist natürlich nicht immer so schwarz-weiß, aber manchmal ist das ein sehr guter Ratgeber. Und ich habe gelernt, dass durch guten Willen, stets sein Bestes zu geben, Verantwortung für seine Handlungen zu übernehmen und vor allem nachfragen und dran bleiben ziemlich viel möglich ist.


Carl, Du hast unterwegs gestohlen, gelogen und Drogenboote gemieden – aber auch geweint, dich verliebt, dich verloren. Welcher Moment war moralisch der schwierigste – und welcher hat dich am meisten verändert?

Carl: Das ist eine knifflige Frage, da es keinen Moment gab, den ich rückblickend bereue oder für den ich mich bis heute schlecht fühle. Mir fallen aber zwei Momente ein, die ein moralisches Hin und Her in mir veranlasst haben. Zum einen war da der Streit auf Alcazar (s. auch Frage 8), zwischen Liv und mir, bei dem ich mich gefragt habe, wie ich es schaffen kann, Liv nicht böse für ihr Verhalten zu sein. Ob ich aus Freundschaft zu Jack meine Feindschaft zu Liv beenden könnte? Naja, hat ja nicht so gut geklappt! Dann der Moment auf Bermuda: Haven hat ein anderes Boot und ich hänge zwischen der Nele und ihrem Kapitän Jasper (Freiheit, die Nähe zur Natur, Herausforderung, aber auch unfaire und gemeine Verhaltensweisen Jaspers) und Haven (der Person, die mein Herz wieder geöffnet hat und mit der ich wieder die Leichtigkeit des Lebens spüre, aber auch Plastik-Luxus-Katamaran, und Menschen, in deren Welt ich nicht passen möchte). Am meisten verändert hat mich, glaub ich, Alcazar. Sowohl der Streit als auch alles andere davor! Ohne Alcazar wäre vieles anders gekommen, aber ich wäre höchstwahrscheinlich nicht bei Kai-Uwe am Boote bauen.


Rückreise auf einem Wharram-Katamaran


Carl und Jens, der Titel „Per Anhalter durch die Karibik" klingt nach Romantik. Aber das Buch erzählt auch von einer Fischvergiftung, Denguefieber und gefährlichen Situationen. Was soll ein Leser am Ende mitnehmen – Fernweh oder Demut?

Carl: Dass nach der Schule nicht zwangsläufig  ́ne Ausbildung oder ein Studium folgen muss. Und vor allem, dass so eine „Lücke im Lebenslauf“ alles andere als Zeitverschwendung ist. Vielleicht macht die Geschichte auch Mut, mehr zu träumen, verrückt zu träumen und dann zu versuchen, den Traum zu leben. Ich hoffe auch, dass die Geschichte zum Fragen und zum Zuhören motiviert. Wer beides tut, kann viel von dieser Welt für sich mitnehmen. Viel Fernweh also sehr gerne, aber auch ein bisschen Demut. Aber nicht vor mir oder meiner Reise, sondern davor, was man selbst erreichen kann, wenn man sich überwindet, einen ersten Schritt zu gehen.

Jens: Beides natürlich, denn beides gehört zum Reisen dazu. Viele Menschen verwechseln Reisen mit Urlaub. Wer mehrere Jahre auf Achse ist, die Welt nicht nur bereist, sondern spürt, den Kontakt zu den Einheimischen sucht, statt die Nähe zum Barkeeper im Vier-Sterne-All-Inclusive-Ressort, der sich durchschlagen muss, um sich mal satt zu essen, statt Papas Kreditkarte zum Glühen zu bringen, der erlebt nicht nur Sternstunden, wie sie manch Reise-Influencer auf Instagram posten. Das hebt Carls Geschichte von vielen anderen ab. Sie ist ehrlich und authentisch, mit viel Witz, Selbstironie, aber auch Tränen. Denn wo Sonne ist, da gibt es auch immer Schatten.


Carl, heute machst du in Schleswig eine Ausbildung zum Bootsbauer und wohnst in einem ehemaligen Linienbus. Klingt fast wie Ankommen. Aber Hand aufs Herz: Wenn morgen ein Anruf käme: „Wir segeln in zwei Wochen Richtung Pazifik, Koje frei". Was würdest du sagen?

Carl: Herrlich! Ich habe bereits mehrere Angebote bekommen. Von Jeff, dem Amerikaner mit der großen Segelyacht... Cruisen in der Karibik und ich solle gerne meine Freunde mitbringen. Von Jack, der meinte, dass die Panamarina bald dicht mache und das Lager voll mit Booten ohne Eigner sei... Vielleicht könne man ja eine kleine Flotte aufbauen... Von Jasper habe ich das Angebot bekommen, mit ihm zwischen den Kanaren hin und her zu segeln, um vielleicht wieder über den Atlantik zu zischen. Auch Haven meinte, ich hätte einen Platz bei ihr in Australien. An genialen Angeboten mangelt es also nicht. Aber nun ist mein Traum eben Bootsbauer zu werden. Und ich bin noch nicht fertig mit diesem Traum, der will erst gelebt werden. Und dann bin ich vielleicht wieder bereit von einer Flotte oder Australien zu träumen.


Carl Beccard mit Jens Brambusch:

Per Anhalter in die Karibik.

Meine Reise über den Atlantik –

und wie sie mein Leben veränderte


DUMONT Reise

296 Seiten

Preis: € 18,95 (D) /

€ 20,50 (A) / CHF 26,50

ISBN: 978-3-616-03638-0



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beim segeln 2.HEIC

Über mich

Jens Brambusch, Jahrgang 1972, ist studierter Islamwissenschaftler und arbeitete viele Jahre als Reporter  bei der Financial Times Deutschland (FTD) und dem Wirtschaftsmagazin Capital . Ausstieg 2018. Seitdem Buchautor und freier Journalist. Schreibt noch gelegentlich für Magazine wie Stern, Spiegel oder Capital, regelmäßig für das Wassersportmagazin Float. 

 

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