Neues Buch: Die See kennt keine Zeugen
- Jens Brambusch
- 7. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit

Die Tage sind gerade etwas stressig. Einerseits steht die Dilly-Dally immer noch in Guatemala an Land, wir tauschen die letzten Seeventile aus, polieren und proviantieren für die baldige Abfahrt. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Andererseits arbeite ich an einem Buch, das im Dumont-Verlag erscheinen, aber erst im kommenden Jahr in den Buchregalen stehen wird. Parallel dazu ist heute „Die See kennt keine Zeugen“ erschienen. Ein True-Crime-Buch mit zehn echten Fällen, die alle eines gemeinsame haben: den Tatort Meer. Wer also vor dem Fest der Liebe noch etwas Hiebe vertragen kann, dem sei das Buch ans Herz gelegt.
Und darum geht's:
Ich liebte meinen Job. Als ich 2018 Deutschland den Rücken kehrte, um fortan segeln zu gehen, lagen viele spannende und aufregende Jahre als Reporter bei der Financial Times Deutschland und dem Businessmagazin Capital hinter mir. Mein Schwerpunktgebiet war Wirtschaftskriminalität. Ich recherchierte über eine Welt aus Glaspalästen und über Männer mit weißen Kragen, hinter deren glänzenden Fassaden und strahlendem Lächeln sich aber oft Abgründe auftaten. Wirtschaft ist eben ein dreckiges Geschäft. Ich schrieb über Korruption und Spionage, über Betrug und Steuerhinterziehung, über Mord und Totschlag. Nicht selten ging es um Millionen und Milliarden und immer um Schuld und Unschuld. Manch einer, über den ich schrieb, landete im Gefängnis.
Als ich auf mein Segelboot zog, dachte ich, die Schattenwelt der Kriminalität gegen die Sonnenseite des Lebens getauscht zu haben. Die Weite des Meeres strahlte Ruhe aus. Und Frieden. Aber ich sollte mich täuschen. Denn auch die See ist ein Tatort. Ein perfekter sogar, denn sie kennt keine Zeugen. Und so kam es, dass ich wieder - jetzt als freier Journalist - über Kriminalität berichtete. Über Verbrechen, verübt auf See.
Einige der geschilderten Fälle habe ich für Magazine wie Stern Crime oder Float recherchiert, andere für dieses Buch anhand von Berichten, Erzählungen, Interviews und Gerichtsunterlagen rekonstruiert. Manche haben sich jüngst zugetragen, wie der rätselhafte Tod des schwedischen Seglers Magnus Reslow, den ich in Kolumbien kennengelernt hatte und dessen tragisches Ende mich immer noch tief bewegt. Denn es ist nicht auszuschließen, dass Magnus noch leben könnte, hätte das Schicksal uns nicht am 1. Januar 2024 zusammengeführt. Bis heute stehe ich mit seinen Brüdern in Kontakt, die immer noch darauf warten, Magnus’ Überreste in Schweden beerdigen zu können.
Auch der Mord an dem US-Seglerpaar Ralph Hendry und seiner Frau Kathy hat eine persönliche Komponente. Zwar sind wir uns nie direkt begegnet, aber wir waren in etwa zur gleichen Zeit im gleichen Revier. Und das, was den beiden widerfahren ist, hätte auch jeden anderen Segler treffen können. Auch uns. Die beiden waren schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort.
Die Welt der Langfahrtsegler ist ein Mikrokosmos. Immer wieder trifft man auf die gleichen Menschen. Man unterhält sich, lacht, philosophiert. Und natürlich wird gelästert, werden Gerüchte ausgetauscht. In der Seemannssprache klingt das charmanter: Seemannsgarn spinnen. Allerdings muss man aufpassen, dass man sich nicht in den Übertreibungen und absurden Anekdoten der anderen verstrickt.
Einer, dem ich aber bedingungslos vertraue, ist Carl. Carl ist ein junger Berliner, den wir als Anhalter auf den Kanaren aufgabelten und mit in die Karibik nahmen. Seitdem stehen wir im regelmäßigen Kontakt. Die Szene der See-Tramper ist untereinander außerordentlich gut vernetzt und so kannte Carl auch die Geschichten von jungen Anhalterinnen, die auf Booten sexuell bedrängt wurden oder denen gar Schlimmeres widerfahren war. Eines Tages meldete sich Carl aufgeregt bei mir. „Das ist so krass, ich war neulich auf dem Boot eines Schweizers. Wie ich gerade erfahren habe, ist das ein Vergewaltiger.“
Kurz zuvor hatte ich über Missbrauchsfälle an Bord von Segelyachten und über einer Organisation von betroffenen Frauen berichtet, die eine Black-List mit den Namen von mittlerweile 350 Skippern erstellt haben, denen sie übergriffiges Verhalten anlasten. Tatsächlich, der Schweizer stand auch auf dieser Liste. Und ich fand noch mehr heraus.
Verbrechen auf See haben nicht immer mit Mord und Totschlag zu tun oder mit Raub und Diebstahl, oft geht es auch um Schmuggel. Im Mittelmeer handelt es sich dabei oft um Menschenschmuggel mit gestohlenen Yachten. Aufmerksam wurde ich auf das Phänomen, da hatte ich mein Boot gerade erst in der Türkei gekauft. Von einer Vertrauensperson erfuhr ich, wie ukrainische und russische Banden Charterboote nutzen oder gar stehlen, um Flüchtlinge von der Türkei nach Griechenland oder Italien zu bringen.
Auch in meinem türkischen „Heimathafen“ wurde eine zum Verkauf stehende Yacht gestohlen, aber die Marineros bemerkten, wie sich das Boot in tiefschwarzer Nacht aus dem Hafen schlich. Als die Küstenwache den Segler vor Rhodos abfing, waren neben dem Menschenschmuggler syrische Flüchtlinge an Bord. Wie groß allerdings die Dimension dieses „Business“ ist und um welch gigantische Summen es geht, das ahnte ich damals noch nicht.
Um noch größere Summen geht es beim Schmuggel in der Karibik, dem Schmuggel von dem weißen Gold Südamerikas: Kokain! In den vergangenen drei Jahren segelten wir entlang der Kleinen Antillen in den Süden, verbrachten einige Monate in Venezuela und Kolumbien, kreuzten in den Norden zu den Großen Antillen und schipperten die Küste Mittelamerikas entlang bis nach Guatemala. Und es nicht auszuschließen, dass der eine oder andere Segler, mit dem wir ein Schwätzchen hielten, dem Reiz des schnellen Geldes verfallen war. Denn neben den typischen Schnell- und U-Booten der Narcos-Kartelle, auf die es Donald Trump derzeit - zumindest vordergründig - abgesehen hat, werden auch tonnenweise Koks mit unauffälligen Segelyachten geschmuggelt.
Mal mit dem Wissen der Skipper, oft aber auch ohne. Wie im Fall der „Rich Harvest“, die ein angeheuerter Überführungsskipper mit drei jungen Brasilianern, allesamt Studenten an der Nautischen Universität, nach Europa segeln sollte. Bei einem Notstopp auf den Kapverden entdeckten die Drogenfahnder 1,2 Tonnen Kokain an Bord.
Als wir Mexiko anliefen, wollten wir einen Bekannten treffen. Wir schrieben uns online, hatten einige gemeinsame Freunde und kannten uns auch aus beruflichen Gründen. Grob vereinbarten wir ein Treffen. Unser Bekannter wusste noch nicht genau, wann er zurück in Mexiko sein würde, er überführte gerade ein Boot von Kolumbien in die USA. Wir waren entsetzt, als wir auf Facebook einen Hilferuf seines Sohnes lasen, er hatte seit drei Tagen keine Nachricht mehr von seinem Vater erhalten und befürchtete, der sei zwischen Kuba und Florida in Seenot geraten.
Etliche Segler kommentierten den Post, sprachen dem Jungen Mut zu. Sein Vater sei ein exzellenter Segler, mit allen Wassern gewaschen. So einem wie ihm passiert schon nichts. Alle lobten ihn als hilfsbereiten Mann, schwärmten in den höchsten Tönen von ihm, als würden sie eine Laudatio für die Verleihung des Bundesverdienst-kreuzes schreiben.
Irgendwann verschwand der Post, aber auch unser Bekannter blieb verschwunden. Allerdings hatte sein Sohn eine kurze, knappe Nachricht im Netz hinterlassen: Keine Sorge, sein Vater sei in Sicherheit. Wie sicher er gerade verwahrt war, das macht in Mexiko schnell die Runde. Unser Bekannter saß nämlich im Knast, auf dem Boot hatten die Behörden Drogen gefunden. Sofort musste ich an die Geschichte der „Rich Harvest“ denken. Für mich war klar, dass er unwissend die Drogen transportiert hatte. Bis ich die Gerichts-unterlagen einsah.
Einige Kriminalfälle in diesem Buch haben also einen persönlichen Zugang, andere, wie die Geschichte der Appolonia, sind True-Crime-Klassiker. Den Abschluss dieses Buches bildet ein Fall, der keine klassische Crime-Geschichte ist, aber jahrelang die Gerichte beschäftigte. Es geht um den Prozess gegen einen Motorbootfahrer, der einen Surfer in der Lübecker Bucht überfuhr und lebens-gefährlich verletzte. In diesem Fall geht es nicht um ein Verbrechen, sondern um Seemannschaft, Verhalten auf See und unsinnige Vorschriften. Und darum, wie windige Anwälte versuchen, die Schuldfrage umzukehren.
In diesem Buch sind manche Protagonisten mit Klarnamen genannt, andere abgekürzt, wieder andere erscheinen unter Pseudonym. Das hat verschiedene Gründe. Mal geht es um Opferschutz, mal um Persönlichkeitsrechte. Sogar der überführte und verurteilte Mörder von der Appolonia verklagte den Spiegel wegen seiner vollen Namens-nennung. Sie sei stigmatisierend, sagten seine Anwälte. Die Auseinandersetzung ging vom Oberlandesgericht zum Bundesgerichtshof und von dort nach Karlsruhe. Die Verfassungsrichter reichten den Fall schließlich wieder zurück. Entschieden ist er bis heute nicht.
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